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Die Kunst des Klüngelns oder Netzwerke als Erfolgsstrategie für Frauen

Von Birgit Ebel

aus: Basisdienst - Informationen aus dem Kreisverband Dortmund 6/2002, 11. November 2002

Vorbemerkung: Am 1. Februar 2003 veranstaltet die GRÜNE LAG Frauenpolitik zusammen mit dem Landesverband NRW wieder das jährliche landesweite Frauenforum. Der Ort ist noch nicht ganz klar, eventuell könnte es in Dortmund stattfinden. Das ganztägige Frauenforum wendet sich wie immer an GRÜNE Frauen, ExpertInnen, frauenpolitische Akteurinnen und die interessierte Öffentlichkeit. Diesmal soll das Thema "Klüngeln und Netzwerke" sein und wir haben dazu die Buchautorin und Supervisorin Annie Hausladen für einen "Klüngel-Workshop" eingeladen. Um Interesse zu wecken und einen Einblick in Literatur und Praxis zu geben, habe ich den nachfolgenden Text geschrieben.

Zauberwort Netzwerk. Networking hat Konjunktur. Was dort passiert, ist in der Alltagssprache geläufiger durch Begriffe wie Klüngeln, Seilschaften, Männerbünde.

Der Männerbund - bereits ein Phänomen besonderer Gesellungsform in traditionaler Gesellschaften - ist gerade weit verbreitet in der heutigen Zeit und gilt als ein Garant für Macht, Erfolg, einflussreiche Verbindungen und Zugriff auf Ressourcen.

Kein Wunder, dass Frauen gezielt ihresgleichen suchen, um nicht Zaungäste bei der Verteilung von Gütern und Chancen, Informationen und Positionen zu sein. Frauen organisieren sich zum gegenseitigen Nutzen, und um der Macht der Männerbünde und Seilschaften etwas entgegenzusetzen. Wir kennen alle die Ergebnisse formeller und informeller Männerbünde zur Genüge aus der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Und wir staunen nicht mehr über die seltsam lebensfremden und zumeist nur an männlichen Vorstellungen und Bedürfnissen ausgerichteten Konzepte in der Stadt- und Verkehrsplanung, der Arbeitszeit- und Beschäftigungspolitik, bei den Hartz-Vorschlägen wie auch die seltsamen Fügungen, dass die männlichen Aspiranten in der Bewerbungsrunde die Aufträge und die gut dotierten Stellen bekommen. In diesen Entscheidungs- und Konzeptrunden sitzen fast ausschließlich Männer am Hebel und die eine Frau oder vielleicht das Drittel weiblicher Mitglieder kann kaum vereiteln, dass Männer sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen oder ihresgleichen immer noch am Besten finden. Quote hin - Quote her.

Der Männerklüngel hinter den (Polit-)Kulissen

Lesenswert ist in diesem Zusammenhang Stephan Höyngs und Ralf Pucherts Veröffentlichung: "Die Verhinderung der beruflichen Gleichstellung. Männliche Verhaltensweisen und männerbündische Kultur" (Bielefeld 1998). Das Geflecht funktioniert oft status- und parteiübergreifend. So schildern Elisabeth Niejahr und Rainer Pörtner in ihrem Buch: "Joschka Fischers Pollenflug und andere Spiele der Macht. Wie Politik wirklich funktioniert" (Frankfurt/M 2002) hoch interessante Details, die sie als KorrespondentInnen in jahrelanger Begleitung und Beobachtung der Führungsriegen der Politszene gewonnen haben. Die meisten der Anekdoten lesen sich wie Geschichten aus dem Patriarchat, auch wenn die Veröffentlichung keinem feministischen Geist verpflichtet ist. Denn bitter ist, mit welcher Stringenz zumeist Frauen aus Entscheidungen und Informationsflüssen herausgehalten werden. Wir alle erinnern uns an die Zeit des wiederbelebten Feminats, kurzzeitig etabliert im Vorsitz des GRÜNEN Bundesverbands. Eine Geschichte verdeutlicht, wie das männliche Politgeschäft in Nichtachtung offizieller Funktionen und Richtlinienkompetenz als Diktatur des Informellen funktioniert, ohne dass die ausgeschlossenen Frauen dies dann öffentlich beanstanden könnten. Die beiden Parteivorsitzenden Antje Radcke und Gunda Röstel fuhren Anfang des Jahres 2000 im Taxi zum Berliner Kanzleramt, wo die große rot-grüne Koalitionsrunde tagte. Dort fand wie immer eine Belagerung von zahlreichen Journalisten und Kamerateams statt, die auch sie zur weiteren rot-grünen Zusammenarbeit befragten. Im Unterschied zur Presse hatten die Parteichefinnen aber nicht die leiseste Ahnung, dass zu diesem Zeitpunkt bereits der baden-württembergische Realo und Fischerfreund Fritz Kuhn (der jetzt Parteichef und im Bundestag ist) und Fraktionschef Rezzo Schlauch (der trotz Miles & More und öffentlicher Blamage jetzt zum parlamentarischen Staatssekretär im Clement-Super-Ministerium avancierte) mit Kanzler Schröder (der sich mit seinem Ausspruch vom "Frauengedöns" feministischer Empörung wie auch Machobeifalls sicher sein konnte) und Außenminister Joschka Fischer im Kanzleramt hockten. Der Männerklüngel beriet sich, wie im Nachhinein herauskam, über Posten und Karrieren, unter anderem über die Verwendung des späteren Parteivorsitzenden Fritz Kuhn.

Kreativer Umgang mit den eigenen Potenzialen

"Dort, wo die Macht sitzt, wo Ämter und Posten verteilt werden, sind Männer zuhause" bringt es die Betriebswirtin Annie Hausladen auf den Punkt. Sie ist eine der Autorinnen des vielbeachteten Buchs: "Die Kunst des Klüngelns. Erfolgsstrategien für Frauen". Sie will die Frauen auch in ihrer Eigenschaft als Groupeworkerin und Supervisorin ermuntern, Beziehungsnetze auszubauen, Kontakte gezielt für ihre Karriere zu nutzen, ihr Klüngelpotenzial zu ermitteln und zu entfalten. Es ist die eine Sache, sich über die Männerseilschaften zu echauffieren, aber eine andere Sache, selbst kreative Verbindungen und Wege zu suchen, um Erfolg zu haben. Klüngeln kann frau auch positiv besetzen, ohne miese Tricks und Ausgrenzung anzuwenden oder wie beim Kölschen Klüngel Schmiergelder zu kassieren. Schritt für Schritt bringen Annie Hausladen und Co-Autorin Gerda Lauffenberg das Handwerkszeug und die Philosophie des Klüngelns an die Frau. Neugierde, Aufmerksamkeit, Kontakt- und Kommunikationsfreude gehört zur Grundausstattung. Der Rest kann trainiert werden. Mehr unter www.frauen-kluengeln.de.

Booming Frauennetzwerke - Networking als Zukunftsaufgabe

Was Männer also seit Urzeiten praktizieren und nicht nur von uns zuweilen abschätzig als Seilschaften bezeichnet oder historisch eben als Männerbund erforscht wird (siehe z.B. Gisela Völger und Karin von Welck: Männerbande - Männerbünde. Zur Rolle des Mannes im Kulturvergleich, Köln 1990), probieren Frauen noch nicht allzu lange unter dem positiv besetzteren Begriff der Netzwerke. Frauennetzwerke boomen offensichtlich: Frau gebe dies nur mal bei Google als Suchwort ein und sie erntet - schwupps - 1200 Fundstellen.

Frauennetzwerke unterscheiden sich von den Netzwerkformen der Männer vor allem dadurch, dass die ökonomischen und politischen Motive der Frauen, sich zu verbünden, unlösbar mit dem emanzipatorischen Interesse an Chancengleichheit verknüpft ist. Frauennetzwerke wurden erst durch die alte und neue Frauenbewegung hervorgebracht und haben das Ziel eigenständige Strukturen für die Etablierung und effiziente Durchsetzung der Interessen und Gleichstellung von Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft zu schaffen. Die gegenseitige Unterstützung bei beruflichen, sozialen und politischen Anliegen funktioniert allerdings nur, wenn bestimmte Voraussetzungen und Prinzipien gelten: es muss ein gemeinsames Ziel und einen gemeinsamen Nenner geben. Frausein reicht nicht als Gründungsmotiv. Das Interesse an einem praktischen wechselseitigen individuellen Nutzen und an wahrnehmbaren Vorteilen muss erfüllt werden. Es geht zumeist um Erfahrungsaustausch, Beratung und Wissenstransfer, Kontakte, Vermittlung von Zugängen und Aufträgen. Weiterhin müssen sich die Beteiligten vertrauensvoll aufeinander und ihr Handeln beziehen. "Ich gebe, damit du gibst", lautet die Formel des Erfolgs und zugleich der Titel einer Ende 2001 herausgegebenen Studie des Kölner Instituts zur Erforschung sozialer Chancen (ISO). Die Autorinnen Petra Freerichs und Heike Wiemert haben erstmals Frauennetzwerke anhand von bundesweiten Überblicksdaten, Expertinnengesprächen empirisch untersucht und gewähren mittels qualitativer Analysen der Praxisformen und Handlungsprinzipien einen Einblick in ausgewählte Netzwerke der Kölner Region. Neben den individuellen Vorteilen realisieren die Frauennetzwerke häufig auch einen kollektiven Nutzen: die beteiligten Frauen können sich politisch und beruflich besser etablieren und gegen männliche Konkurrenz behaupten.

Die vielfältige Verbreitung von Netzwerken, ob als organisationale oder personale, politische oder soziale, berufsbezogene, Männer- oder Frauennetzwerke steht im Zusammenhang mit sozio-ökonomischen Wandlungsprozessen. Aus steuerungstheoretischer Perspektive sind Netzwerke nicht-hierarchische Organisationsformen, mit einem zentralen Moment: Kommunikation. Für die Zukunftsaufgabe Netzwerkarbeit und das neue Berufsbild Netzwerkmanagement stellen Frauen übrigens ein großes innovatives Potenzial dar. Ihre gegenüber Männern zumeist weitaus besser ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit, ihre geringere Selbstbezogenheit im Umgang mit anderen und ihr Teamgeist - kurzum die vielbeschworenen "Soft Skills" sind die entscheidenden Komponenten für eine erfolgreiche Kooperation.