Von Walter Angst
Quelle: antidot, Dezember 2006
Er heißt N'Faly Keïta und ist ein Reiseunternehmer der besonderen Art. Vom
1. bis zum 9. November ist der Regierungsbeamte aus dem westafrikanischen
Guinea auf Einladung und auf Kosten des Bundesamts für Migration in die
Schweiz gekommen, um Rückreisedokumente für papierlose Afrikaner
auszustellen. In Conakry, wo er zwischen seinen Auslandsreisen als
Chefbeamter in der juristischen Abteilung des Außenministeriums arbeitet,
besorgt N'Faly Keïta ausreisewilligen Afrikanern Visas für die Schengenländer,
die USA oder Kanada - gegen Geld, versteht sich.
Pascal* staunte nicht schlecht, als er sein Gegenüber sah. Vor ihm saß der
Mann, der ihm vor Jahren in Conakry ein Schengenvisa besorgt hat. Freunde
hatten ihn damals mit N'Faly Keïta bekannt gemacht. Gegen umgerechnet
4000 Franken hat der Mann ihm ein echtes Schengenvisa besorgt. Die Reise
nach Europa sei dank dieses Stempels völlig reibungslos verlaufen.
Fachmann für Aus- und Einreise
Jetzt saß Pascal seinem Fluchthelfer gegenüber. Tags zuvor war er von der
Polizei abgeholt worden. Die Nacht hat er in Haft verbracht. Am Morgen wurde
er mit anderen Afrikanern im Polizeiauto nach Bern chauffiert und dort in
diesen Raum gebracht, in dem die Delegation aus Guinea wartete. Man habe
sich gleich erkannt. Nach der kurzen Episode sei er von der Polizei nach Hause
zurückgebracht worden. Einige Tage später hätten sich die Sozialarbeiter bei
ihm gemeldet. Man habe jetzt alle Dokumente für die Reise nach Conakry.
Wenn er freiwillig gehe, könne er vom regionalen Rückkehrprogramm
profitieren, das der Bund am 6. Juni 2005 speziell für die minutiös geplante
Aktion zur Reduktion der hohen Zahl der "Guineer im Vollzugsprozess"
aufgelegt hat.
Die Geschichte, die Pascal erzählt, ist kaum zu glauben. Zweifel an der
Richtigkeit seiner Darstellung gibt es jedoch nicht. Gerüchte über die
Delegation aus Conakry mit N'Faly Keïta an der Spitze sind im Sommer des
Jahres 2005 zum ersten Mal durch die deutsche Presse gegeistert. Damals
haben Flüchtlingsorganisationen in Hamburg darauf hingewiesen,
dass der Chef ein Menschenhändler sei.
Als N'Faly Keïta im Frühling 2006 wieder in Hamburg** auftauchte, ging ein
Sturm der Entrüstung los. Es gab Demonstrationen. Die Botschaft Guineas
distanzierte sich vom Chefbeamten aus Conakry. Keïta selbst verließ die
Bundesrepublik fluchtartig. Seither ruhen die Aktivitäten des Mannes -
zumindest in Deutschland.
In der guineischen Exilcommunity der Schweiz ist man im Juni 2006 auf
N'Faly Keïta aufmerksam geworden. Ein Aktivist ist wie Pascal nach Bern
gebracht worden. Als er sich geweigert hat, mit der obskuren Delegation aus
Guinea zu sprechen, solange die Mitglieder weder Namen, noch Funktion oder
Auftrag bekannt geben würden, kam es zu einem heftigen Disput. Der Mann
ist in Ausschaffungshaft genommen worden. Dank der Intervention seiner
Freunde ist er heute wieder auf freiem Fuß.
In Conakry bestens bekannt
Diese Freunde sind der Sache auf den Grund gegangen. In Conakry ist man
fündig geworden. Nachbarn von N'Faly Keïta haben bestätigt, dass sich der
Chef der "Division des Guinéens de l'Étranger" im Juni mit viel Pomp und
einer ganzen Delegation zu einer Reise in die Schweiz aufgemacht hat. In der
guineischen Presse ist über die famose Delegation berichtet worden, die sich
oft in Deutschland und der Schweiz aufhalte, um "laissez-passer"
auszustellen. Und die Guineer im Exil wissen auch zu berichten, wie das
Geschäft mit den Visas funktioniert, das N'Faly Keïta in Guinea als
Nebenbeschäftigung unterhält. Man könne bei ihm vom
Empfehlungsschreiben, dass einem bei der Visabeschaffung auf den
Botschaften der EU-Länder, der USA oder Kanada helfe, bis zur fertigen Reise
mit Flugschein und Diplomatenpass alles kaufen, was der ausreiswillige
Mensch in Guinea brauche.
Die Preise für ein Schengenvisa seien in den letzten Jahren deutlich über die
4000 Franken gestiegen, von denen Pascal gesprochen habe. Und noch etwas
halten die Freunde fest: Mit der Behörde, der N'Faly Keïta vorstehe, sei nicht
zu spaßen. Sie und die im Fluchthilfegeschäft mitbeteiligten Sicherheits- und
Grenzbehörden seien jederzeit bereit, Menschen verschwinden zu lassen. Eine
Darstellung, die auch von unabhängiger Seite bestätigt wird.
Guinea gehört zu den Ländern mit ausgesprochen korrupter Verwaltung. Es
wird von einer Clique regiert, die das Land systematisch ausplündert. Wer sich
dieser Clique in den Weg stelle, habe nichts Gutes zu erwarten.
Bern will nichts wissen
Der Mediensprecher des Bundesamt für Migration bestreitet den Tatbestand
nicht. Vom 1. bis 9. November 2006 sei eine guineische Delegation mit
VertreterInnen des Sicherheitsministeriums, des Außenministeriums und der
für die Schweiz zuständigen Botschaft Guineas in Paris in Bern gewesen, sagt
Dominique Boillat. Die Schweiz habe die Kosten für Reise und Unterkunft
übernommen und jedem Delegationsmitglied ein Taggeld von 150 Franken
bezahlt. Mehr als 100 Afrikaner, die gemäß den Angaben des BFM aus Guinea
stammen sollen und mangels Papieren nicht ausreisen können, seien der
Gruppe anfangs November vorgeführt worden. Für über 90 Prozent der
Vorgeführten habe die Delegation dem BFM ein "laissez-passer" ausgestellt.
Wenn es um Details geht wird Boillat jedoch ausgesprochen zugeknöpft. Die
Namen der Delegation würden nicht bekannt geben. Ob N'Faly Keïta mit
dabeigewesen ist wird weder bestätigt noch dementiert. Von den Vorwürfen
gegen die Delegation will Boillat nicht Stellung nehmen. Zu den Vorgängen in
Deutschland nehme man keine Stellung. Man sehe sich in keiner Weise
veranlasst, aufgrund der Vorwürfe die Zusammenarbeit mit Guinea
bei der Papierbeschaffung zu überprüfen. Weitere Rückfragen erübrigten sich.
Versuchen wir also selber zu rekonstruieren, was das BFM so treibt. Am 4.
November 2004 hat der Schweizer Botschafter Dominik Langenbacher ein
Protokoll mit dem leitenden Polizeidirektor Guineas, einem gewissen Yaya
Camara, unterzeichnet. In diesem ist festgehalten, dass im März 2005 die
erste Delegation aus Conakry in die Schweiz reisen werde, um "laissez-passers"
auszustellen. Dominik Langenbacher ist so etwas wie ein Leiharbeiter
von Micheline Calmy-Rey, der noch zu Zeiten von Frau Metzler ins Justiz- und
Polizeidepartement gewechselt hat, um dort als Delegierter für den
Migrationsdialog Rücknahmeabkommen und Vereinbarungen wie das
erwähnte Protokoll "betreffend Rückkehr und Wiedereingliederung guineischer
Staatsangehöriger mit unbefugtem Aufenthalt in der Schweiz" zu produzieren.
Herr Langenbacher hat sich für diesen Job im Departement für Entwicklung
und Zusammenarbeit DEZA (Delegierter für Kenia und Madagaskar) und
bei der UNO qualifiziert.
Ein sehr erfolgreiches Verfahren
Wie viele Delegationen seit März 2005 aus Guinea in die Schweiz gekommen
sind, ist im Moment noch nicht rekonstruierbar. Rekonstruierbar ist, dass das
Bundesamt für Migration in Sachen Guinea eine konzertierte Aktion
durchführt. Ende 2004 vermeldet die Asylstatistik, dass 997 Personen aus
Guinea im Asylprozess und 834 Personen nach abgeschlossenem
Asylverfahren im Vollzugsprozess seien. Im Oktober 2006 sind noch 402
Personen im Asylverfahren und 292 im Vollzugsprozess.
Dem steht die Ausschaffungsstatistik gegenüber. Im Jahr 2004 gab es 16
Zwangsausschaffungen nach Conakry, 13 freiwillige kontrollierte Ausreisen
(mit Rückkehrhilfe) und 814 Personen, die untergetaucht sind. 2005 haben
sich die Zwangsausschaffungen auf 53 vervierfacht. Im Jahr 2006 gab es bis
Ende Oktober bereits 57 Zwangsausschaffungen. In beiden Jahren sind je weit
über 500 Personen abgetaucht. Dominique Boillat bestätigt, dass monatlich
ein Ausschaffungscharter mit fünf, sechs oder sieben Guineern die Schweiz
Richtung Conakry verlässt.
Blochers Freunde
Diese Erfolgsmeldungen werden die Beamten des Bundesamts für Flüchtlinge
ihrem Chef längst mitgeteilt haben. Und dieser - der vor drei Jahren gegen
Frau Metzler ins Amt geputschte Christoph Blocher - wird mit Genugtuung zur
Kenntnis nehmen, dass die Zusammenarbeit mit seinen afrikanischen
Freunden eben doch eine ganz gute Sache sei. Christophs Freunde, das ist
das Afrika der korrupten Regierungsbeamten, der Mafia, der
Menschenhändler, die gern mit den Nachfahren der Sklavenhändler
zusammenarbeiten. Mit ihnen pflegt der heutige Chef des Justiz- und
Polizeidepartements schon lange gute Beziehungen. Früher - in den Zeiten der
Apartheid - waren diese Freunde in der Regel Weiße. Doch der Christoph
kanns auch mit den Schwarzen ganz gut.
* Der Name ist der Redaktion bekannt.
Walter Angst recherchiert seit acht Jahren zur Schweizer Ausschaffungspraxis
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Der hier mit freundlicher Genehmigung dokumentierte Artikel erschien im Dezember 2006 in der
schweizerischen Zeitschrift 'antidot'.
[
www.antidot.ch ]
** Anm. Heinz Schröder (AG Grundrechte + Demokratie): im Frühling 2006 war die Keïta-Delegation nicht in Hamburg, sondern in der Zentralen Ausländerbehörde Dortmund, vom 20. bis 31. März 2006.